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“Street art writing you here on red plate at Venice Beach” by Marion Michele on Unsplash

Neulich hatte ich jemanden in meinem Büro zu Gast. Wir tranken Kaffee, mit Ausblick aus unserem Ladenlokal: Wie immer ein paar Parkplätze, den Hinterhof eines Supermarkts, Menschen, die sich vor ihm auf einer Parkbank mit einer Flasche Bier in der Hand treffen und entsprechend ab und zu an den Häuserwänden gegenüber ihre Notdurft verrichten.
Wir unterhielten uns. Was machst du so, was machen wir so? Dann hörte ich den einen Satz: »Es tut mir ja leid für Euch und Eure Arbeit, aber ich glaube nicht, dass Innovation aus dem System kommt.« Plötzlich war ich angepisst. Da hatte mir gerade jemand ziemlich deutlich gesagt, dass das woran wir da seit Jahren arbeiten, ziemlich sinnlos ist.

Heute morgen auf Twitter. Das allmonatlich wiederkehrende kirchliche Floskelbingo. Ja, man müsse das doch endlich mal sammeln. Diese eine, ultimative Erik Flügge Gedenkliste. — So sehr mich vieles an diesen »herzliche Einladungen« und den Bekundungen »bunter Vielfalt« bei grauer Einfalt stört, taucht in mir die Frage nach dem Warum auf. Was nutzt eine Sammlung, was hilft es, und woraufhin lohnt der Einsatz von Energie hier?

Weiter in der Timeline und ein Foto aus einem Konvent und mit ihm Kirchenräume, die jeder Beschreibung eines Klischees spotten. Inklusive Vorhängen aus der Hölle, knisternden Plastikfalschen und rotem Tee. Ich merke, wie mich dieses Bild bedrückt. Habe ich doch im letzten Jahr über dieses Phänomen der Verwohnzimmerung von Gemeinde- und Kirchenräumen geschrieben, und ziemlich viel Feedback (auch begründet verletztes!) bekommen (eine neue Version des Textes wird in Kürze hier erscheinen). Ich spüre gleichzeitig, wie sehr mir meine Beschäftigung mit diesem Text geholfen hat, damit nun für mich zumindest abzuschließen und einen nächsten Schritt zu gehen. Und dass das Thema, zumindest für den Moment gerade durch ist.

Es mag sein, dass es sich in den letzten Monaten so entwickelt hat, dass ich schon zu sehr im kirchlichen System verhaftet bin, als dass von meiner Arbeit Innovationskraft (mehr) ausgehen kann. Vielleicht, weil ich blinde Flecken bekomme. Vielleicht, weil ich Zeit habe, wie in der Entstehung des Kaffee-Tassen Textes, die Dinge zu durchdenken, reflektieren und verarbeiten, während andere vor Ort in derart heftigen Strukturen und Anforderungen stecken, dass für diese ein Tweet eine gute Möglichkeit ist, etwas Druck abzulassen. Ich bin mir meines Privilegs sehr bewusst. — Vielleicht ist es auch so, dass mir die Komplexität des Systems deutlicher vor Augen ist. Und Innovation eben von Außen kommt. Vielleicht, weil ich die Menschen (und Biographien) und Schwierigkeiten hinter bestimmten Dingen besser kenne.

Ich frage mich jedoch, wie eine sichtbar destruktive Haltung sich von denen unterscheidet, die explizit schon resigniert haben. Oder gegangen sind. Oder von denen, die einfach weiter machen, weil es eben noch geht, oder weil nichts auffällt. Nichts mehr auffallen kann.

Ich frage mich, welchen Unterschied Haltung generell macht. Und natürlich frage ich mich, ob das nun schon eine Floskel ist oder nicht.

Ich frage mich, wann etwas einen Unterschied macht. Und ab wann eine veränderte Kommunikation Transformation und Innovation auslöst.

Aus vielen Geschichten rund um innovative und transformative Entwicklungen in Organisationen oder anderen Kontexten habe ich gelernt, dass sich Veränderungen da entwickeln, wo Menschen mit Bedarfen, Lücken und Problemen konstruktiv umgehen. Sich für ein Besseres einsetzen. Etwas Neues daneben stellen. Dabei auch Zeit, Herzblut und Spielwitz investieren. Ob sie dafür ins oder ans System agieren und kommunizieren, oder es von (vermeintlich) außen tun, ist abhängig von den gegebenen Voraussetzungen. Und ich habe einmal mehr die Designerin Tina Roth Eisenberg im Ohr, die sagt: Don’t complain, create — Nicht jammern, sei kreativ!

In diesen Wochen und Monaten erleben wir, wie das unbewusst und bewusst destruktive Kommunizieren Gesellschaften verändern kann und politisch Einfluss nimmt. Es ist nicht alles gut, weder in diesen Kontexten, noch in der Kirchenlandschaft. Aber die Art und Weise der Kommunikation, und die Art und Weise, wie wir mit den Wahrnehmungen umgehen, die wir haben, wird sowohl hier als auch da unsere übernommene Verantwortung ausmachen. Wie wir mit den Dingen umgehen, die uns ankotzen, nerven, wütend machen oder einfach nur ziemlich angepisst zurücklassen, ist wesentlicher Bestandteil dessen, was eine Veränderung bewirkt.

Am kommenden Sonntag feiert die Kirche Laetare. Freu dich! Ein rosa Fest: Das Weiß, die Vorfreude auf Ostern, taucht auf und verändert den Blick auf das lila Lamento. Es ist die Mitte der Fastenzeit. Ich will hier keine pastoralbingomäßige Linie ziehen und doch merke ich, dass mich das Rosa vom Sonntag daran erinnert, zu reflektieren, wie ich als gläubige Christin mit meiner Verantwortung umgehe. Wann ein Jammern angebracht ist, und wann der Auftrag ein rosa Trotzdem ist: Kreativ sein, machen, loslegen — das Neue selbst in Angriff nehmen, während man das Alte stehen lassen kann, ohne sich durch die Kritik daran definieren zu lassen.

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