Vor kurzem war ich mit einer Art pastoralen Sprachreise in England. Dort besuchten wir mit #kirchehoch2 kirchliche Initiativen, die unterschiedlicher kaum sein können. Dabei habe ich mir ein paar Notizen gemacht, die ich hier unsortiert, lose und ungeschliffen dokumentiere.

No place for tomorrow

Es gibt auf solchen Reisen ja manchmal Gemeinden oder Einrichtungen, die eine so große Faszination erzeugen, dass man sich wünschte, sie würden zu unserem eigenen Alltag gehören. Doch auch wenn jedes der Reiseziele für sich inspirierend war, hätte ich an keinem Ort bleiben wollen. Mal hätte mir hier was nicht gelegen, dort etwas anderes. Jetzt könnte man über die Gründe nachdenken: Ob es was mit Konfession zu tun hat, mit Frömmigkeit oder mit deren »Projektmanagement«. Ich glaube aber, dass es an dieser Stelle gar nicht um die Gründe geht, sondern vielmehr darum, dass das auch eine Art Entlastung darstellt: Wir können und dürfen und müssen diese Orte nicht kopieren, sondern sie helfen uns dabei, auf unserem eigenen Weg dem christlichen Essentiellen auf die Spur zu kommen.

In English, please!

In vielen Momenten fühlten wir uns mit den Protagonisten vor Ort sehr verwandt. Gerne wäre ich noch etwas geblieben, hätte mehr Fragen gestellt, viel mehr erfahren.

So frage ich mich heute: Sollten wir nicht noch viel internationaler arbeiten, das heißt zum Beispiel auch viel mehr in anderen Sprachen schreiben und diskutieren? Warum müssen wir in Deutschland noch immer darauf warten, dass »wichtige Bücher« auf englisch übersetzt werden, bevor wir sie diskutieren und sie Einfluss haben? Das ist in keiner anderen Wissenschaft so, ob Medizin, Wirtschaft, Psychologie, Bionik, Architektur usw. Und was heißt das für meine eigene Arbeit? Wie kann ich damit selbst beginnen?

Dazu kommt umgekehrt auch, dass ich an vielen Orten begeisterte Stimmen über römisch-katholische Missionstheologie gehört habe. Sollte es etwa so sein, dass wir in der Fremde, in einer anderen Übersetzung, unseren eigenen Reichtum entdecken dürfen?

Money talks

Eine der erste Mails, die ich nach meiner Rückkehr öffnete, handelte von drastischen Sparmaßnahmen innerhalb einer großen kirchlichen Einrichtung. Bei den Beispielen, die wir in England besucht haben, spielt Geld, scheint mir, eine ganz andere Rolle. Entweder man steht in transparenter Abhängigkeit einer sendenden Gemeinde oder Organisation oder man sorgt für konsequente Unabhängigkeit mit all den Nach- und Vorteilen.

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Wifi for donation, Kahalia Café. Foto: Rolf Krüger

Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, dass dieser Unterschied nicht nur mit unserem Kirchensteuersystem zu tun hat. Ich glaube, es liegt viel tiefer und beschreibt (natürlich!) einen grundsätzlich verschiedenen Zugang zu Wirtschaft und Geld. Während also eine solche, so eben erwähnte eMail bei uns mehr oder weniger große Beklemmungen und Erstarren hervorruft — und hier nehme ich mich selbst nicht aus! — wäre es vielleicht wirklich einmal an der Zeit über andere Wege der Finanzierung und StartUp Experimente nachzudenken — und das in aller Konsequenz! Denn erst dann können wir uns wirklich einmal über Projektmanagement, über Visionen, Missionen und Dienstleistung unterhalten. Über Fundraising und so etwas wie Preis-Leistungs-Verhältnis. Inspirierend finde ich dabei die Arbeit von Paul Unsworth und seinem Team bei Kahaila und den von dort aus entstehenden Netzwerken. Und als jemand, der aus den eigenen Erfahrungen der Selbstständigkeit viel in der StartUp Szene gelernt hat, merke ich, dass es mich nicht nur selbst reizt, sondern auch, dass dies viel Kreativität freisetzen würde.

On the edge

Wer schon einmal in einem Gottesdienst neben mir saß und mit mir ein Liedblatt teilen wollte, weiß, dass ich so gut wie kaum in der Kirche singe. Ich singe gerne beim Auto fahren oder auf einem Rockkonzert oder in einem Fußballstadion. Aber nahezu jede Form der Kirchenmusik ist mir fremd. Mir fehlt, trotz Orgenunterricht und kirchlicher Sozialisation der — ich nenne es mal — spirituelle Zugang und so stehe oder sitze ich schweigend, aber konzentriert dabei. Wie eine Statue einer fremden Kultur in einem Museum fühlt sich das gelegentlich an. Manchmal bin ich es leid auf die Nachfragen hin zu erklären, warum das so ist. Denn gerade in meinem Job scheint es wichtig zu sein, sich »voll zu identifizieren«. Dabei frage ich mich, warum das an solchen Dingen festgemacht wird.

Auf unserer Reise durften wir vielen Menschen begegnen, die entweder buchstäblich oder metaphorisch Denkmäler fremder Kulturen in eine Kirchenlandschaft bauen. Ich habe von ihnen neu gelernt, dass es gut ist, dass ich nicht singe, dass ich mich an vielen Punkten in meiner eigenen Kirche fremd fühle. Dass es wichtig ist, geduldig zu erklären, warum ich nicht gerne in der Kirche singe, woran ich fest mache, dass ich mich fremd fühle. Und auch, dass es sicherlich nicht sinnvoll ist, sich in dieser Situation undifferenziert (!) anzupassen.

Paul Unsworth von Kahaila beschreibt die Folgen einer solchen (pseudo)kulturellen Anpassung so:

»Either the church would have killed me, or I would have killed the church.«

Jonny Baker, der Leiter des CMS Pioneer Mission Leadership Trainings, spricht an dieser Stelle vom »gift of not fitting in«, dem Geschenk nicht hineinzupassen. Mission pioneers, wie auch immer das zu übersetzen ist, leben an einer Kante (»on the edge«) und können von dort aus mindestens zwei kulturelle Räume beobachten, zwischen ihnen vermitteln und Konextualisierungsleistungen vollziehen. Daran werde ich in den nächsten Wochen gedanklich weiter arbeiten.

By the way: Die so genannte Worship-Musik, die auch in Deutschland mitlerweile alle Konfessionen erreicht hat, ist nicht die Mutter aller Lösungen dieser Problematik. Im Gegenteil: Denn eine neue (!) allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Evangelium gibt es genauso wenig, wie die bestehende Einheitskultur für alle passt. Auch wenn es nun etwas Neues auf dem »Markt« gibt (siehe oben) heißt das nicht, dass damit wieder um alle zufrieden sein müssen. Wir müssen anerkennen, dass es keine One-Culture-Fits-All Spiritualität gibt.

Die to live

Wir haben bei unseren Besuchen und in den Q&A Runden irgendwie immer vergessen übers Scheitern zu reden. Warum vergessen wir bloß immer übers Scheitern zu reden? Ab und an kam es zwar zur Sprache, versteckt, leise, zurückhaltend. Aber wäre es nicht auch mal sehr interessant eine Reise der gescheiterten Experimente zu unternehmen? Eine FuckUp Night on Tour sozusagen?

Vermutlich sind wir noch lange nicht so weit, dass wir bei uns in der kirchlichen Landschaft eine solche Atmosphäre und ein solches Bewusstsein haben, dass das schon sinnvoll ist. Wer weiß ob das überhaupt mal möglich sein wird. Und vermutlich braucht es gerade wirklich erstmal inspirierende Beispiele und ein sichtbares »Es-kann-funktionieren«. Aber die Idee fasziniert mich.

Ökumene

Während wir uns in Hannover / Hildesheim bewusst für einen gemeinsamen ökumenischen Weg in die Zukunft entschieden haben, scheint mir unser Bild von der ökumenischen Dimension der englischen Fresh Expressions Bewegung doch ziemlich idealisiert gezeichnet zu sein. Vermutlich ist das einem konfessionellen Missverständnis geschuldet: Ähnlich wie in Deutschland, wo Fresh X vor allem von landeskirchlicher und evangelischer Ökumene lebt, scheint es gerade innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft wichtig zu sein, ökumenisch, das heißt in diesem konkreten Fall gemeinsam als unterschiedliche Gliedkirchen und dazu noch gemeinsam ausgehend der verschiedenen spirituellen Zugänge (high church, evangelical/charismatic) zu agieren. Das muss nicht so (lies: binnenkonfessionell) bleiben, aber ist für den jetzigen Zeitpunkt wichtig anzuerkennen. Gleichzeitig zeigt dieser Befund aber auch auf, für welch besonderes Geschenk wir hier in Norddeutschland dankbar sein können.

Pray & relate

Zwei wichtige bunte Fäden haben wir die Tage über immer wieder wahrnehmen dürfen: Die Wichtigkeit des Gebets (»we prayed, and prayed, and after that we prayed«) und der grundlegende Fokus auf Beziehung.

Während ich mich frage, in wieweit oder ob das auch irgendwie zusammen gehört, nehme ich wahr, dass wir uns mit beidem in Deutschland irgendwie ein bisschen schwer zu tun scheinen. Ich weiß nicht, ob es so kommen muss, dass wir wirklich nichts mehr anderes haben als unsere grundlegenden Werte, bevor wir uns auf sie besinnen. Aber ich weiß, dass mich diese Erfahrung sensibilisiert hat, da ein bisschen mehr darauf zu achten.

Leadership

Auch ganz verschiedene Typen von Leitung konnten wir wahrnehmen. Und das auf ganz unterschiedliche Dimensionen hin:

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Brot in einem Pfarrhaus der Postmoderne. Church @ Five. Foto: Rolf Krüger.

Strukturell bemerkenswert war zum Beispiel, dass wir eine ganze Reihe von so genannten Spätberufenen besuchen durften. Menschen, die mit viel Erfahrung in einem bestimmten, ganz anderen professionellen Feld auf ihre Berufung gehört haben. Ist die Fresh Expressions Bewegung eine von Spätberufenen?

Dazu fällt auch auf, dass ein Großteil davon auch so zusagen in das Ehrenamt ordiniert ist — etwas, das gerade mit römisch-katholischen Augen etwas besonders darstellt und kaum zu vergleichen ist. Fresh X und das Ehrenamt?

Wohltuend waren auch die vielen weiblichen Stimmen, die wir hören durften und zwar fiel mir das nicht aufgrund meiner »römisch-katholischen Ohren« auf, sondern gerade weil ich sie in den sonst so üblichen Diskursen um Fresh Expressions sowohl in Deutschland als auch in England sehr vermisse. Etwas, das noch mehr verwundert, wenn man davon ausgeht, dass sowohl die Evangelischen als auch Anglikanischen Kirchen Frauen ordinieren.

Das sind nur drei Momente, die uns gerade im Hinblick auf zukünftige missionale Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen beschäftigen sollten.

English week?

Fussball und Kirche – dass das manchmal noch ein bisschen mehr zusammenhängt als wir bisher ahnen, konnten wir in unserer ersten Gemeinde entdecken: St. Andrews Fulham Fields und seine Jugendarbeit war der Ursprung des FC Fulham. Wenn das keine Fresh Expression ist!

Dies ist nur ein kleiner Notizblog. Die Gedanken sind nicht sortiert oder ausformuliert. Bitte fühle dich frei zu kommentieren, diskutieren, fragen.

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