Wenn man Social Media eine Weile nutzt kommt neben den synchronen Effekten (z.B. beim gemeinsamen Mitfiebern beim Finale einer beliebten Sportart) ein diachroner hinzu: Durch die Zeit hindurch sammelt man so etwas wie Tagebucheinträge, an die man erinnert wird. Heute vor einem Jahr hast du dich das gefragt. An diesem Tag vor zwei Jahren hast du diesen Strand besucht. Und weil du gestern nicht online warst: erinnerst du dich an diesen Burger, den du gestern vor zwei Jahren auf einem Festival gegessen hast?

Doch heute erinnerten mich Menschen und nicht Algorithmen an eines dieser kleinen Jubiläen, und ich glaube, dass das ziemlich symptomatisch ist für das, was es zu feiern gilt.

Vor genau einem Jahr, es war ähnlich sommerlich, haben wir hier in Hannover/Linden mit einer Gründungsversammlung einen ersten Schritt gemacht, den Verein Cumpaney e.V. zu gründen. Acht Menschen haben das Protokoll unterzeichnet. Das Weißwurstfrühstück stimmte feierlich und hoffnungsvoll, doch bis heute sind wir nicht eingetragen. Vereinsgründungen sind komplex — auch ohne den Begriff überstrapazieren zu wollen. Es ist uns bis heute wichtig, dass mit der Vereinsgründung Dinge transparenter gestaltet und dabei möglichst vielen Menschen mehr Möglichkeiten eingeräumt werden. Dies beinhaltet unter anderem das Fragen nach der Gemeinnützigkeit und damit wird es bisweilen in der deutschen Bürokratie — sagen wir — mindestens »unübersichtlich«.

Dass das so ist, ändert aber nichts daran, dass sich Dinge schon jetzt entwickeln: Wir begleiten Menschen auf ihre Taufe, Firmung oder Konversion in den Räumen, die wir für die Cumpaney angemietet haben, und erleben regelmäßig, wie Freuden und Hoffnungen, aber auch Sorgen und Nöte dabei geteilt werden. Wir feiern Geburtstage, backen Pfannkuchen, proben Improvisationstheater. Trotz des immer noch improvisierten Mobiliars tagen Gremien und Netzwerke, und manchmal glaube ich, dass der robuste Charme »unserer Cumpaney« dazu beiträgt, dass sich Menschen wieder auf das Wesentliche konzentrieren können.

Wir sitzen regelmäßig an einem Tisch, der selbst eine lange Geschichte erzählen kann, auf Stühlen, die wir aus allen Windrichtungen zusammengetragen haben und wir teilen unsere Fragen und das Leben. Wie wir es uns eben vorgenommen haben.

Wir träumen weiterhin von Straßenexerzitien hier im Viertel. Von einem kleinen Verlag, aber mindestens einer Druckmaschine. Von Konzerten. Von Partypastoral hier in den Straßen an den Wochenenden. Von Yoga in der Kirche nebenan. Von so vielen Rezepten, die wir zusammen kochen wollen. Und von Bierbrauen. Und das ist nur mein Ponyhof, von den anderen gibt es vermutlich ähnliches, aber anderes und noch viel mehr dazu zu sagen. Aber vor allem träumen wir gemeinsam davon, Raum und Zeit in diesem wundervollen Viertel Linden zu gestalten — mit vielen anderen und mit den Fragen, die wir an das Leben und an Gott haben.

Vor einiger Zeit hat mir ein sehr kluger Mann diese Worte geschenkt: »So zerbrechlich, so stark.« Ich bekomme sie seit einiger Zeit nicht aus meinem Kopf, denn nicht nur in meinem Job bei Kirchehoch2 erlebe ich vieles in diesem Spannungsfeld. Auch die Cumpaney ist zerbrechlich und stark zugleich. Neulich bekamen wir eine erste Anfrage auf einer Konferenz etwas über die Cumpaney zu erzählen. Und ich ertappte mich dabei zu denken: Was sollen wir denn erzählen? Das, was da seit über einem Jahr passiert ist doch völlig natürlich und normal, nichts Weltbewegendes. Sollte überall Menschen, die sich auf Christus berufen und viele andere vor allem dazu an einen Tisch holen um im Zeichen des Brotes etwas von ihrem Leben zu teilen. Im Gegenteil – ich empfinde manches sehr »schwach«, aber vielleicht sollte ich eher sagen: Zerbrechlich. Wir kriegen es ja nicht mal geregelt, einen Verein zu gründen — etwas das tagtäglich in Deutschland vermutlich hundertmal passiert. Und doch hat die Cumpaney jetzt schon Ausstrahlung: Sie stimmt wohl hoffnungsvoll, sie macht neugierig, Menschen beginnen sich als ein Teil des Wir einzutragen. Die Cumpaney macht aber auch diffuse Angst und Konkurrenz — löst etwas aus. Vermutlich gehört das eine immer zusammen: Die Stärke und die Zerbrechlichkeit. Aber auch die Hoffnung und die Unsicherheit. Aber immer dazu: Dankbarkeit. Und so geht es mir heute, an diesem kleinen Jubiläum.

Ich bin dankbar für das vergangene Jahr und für die Menschen, die mit mir ihr Brot (und Weißwürste und Pfannkuchen, Himbeeren und Tofu) in den letzten 12 Monaten geteilt haben – und hoffentlich auch weiterhin teilen werden. Auch wenn ich manchmal gerne etwas mehr Sicherheit (und Bestätigungen vom Vereinsregister und vom Finanzamt) in meinem Rucksack hätte, lese ich heute im Tagesevangelium, dass das manchmal vielleicht einfach nicht dran ist. (Mindestens) zu zweit sollen wir uns auf den Weg machen — ich finde, wir hätten es nicht besser treffen können.

Happy Birthday, Cumpaney. Schön, dass es dich gibt.

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Happy Birthday, Cumpaney ❤

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Always seeking, sometimes found. Wilder mind, restless heart and head of strategic innovations in one of the oldest organisation there is. She/her.

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