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Redd Angelo (@unsplash)

Ich sehe mich in der Küche meiner Studentenwohnung tanzen. Die Kopfhörer im Ohr, die Schürze umgebunden, der iPod darin verborgen. Zwischen Bergen von Abwasch tanzte ich. Wie das Studentenleben eben so ist.

10 Jahre ist das her und gerade war mir ein Musik-Album untergekommen, das eine ganze Menge in meinem Leben verändern werden würde. Wer mich ein bisschen kennt weiß, dass das Tanzen — wenn auch im Verborgenen — da zum Beispiel dazugehört.

Heute weiß ich gar nicht mehr genau, wie ich vor zu dieser Zeit Musik gehört und wie ich neue Musik, neue Alben, neue Songs und neue Bands entdeckt habe. Vermutlich ist das auch ganz gut so, denn den größten Umfang meines Kataloges hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht legal besessen. Musik und Musikkultur bestimmten aber große Teile meines Lebens: Ich trug ausschließlich schwarze Kleidung, und meine Musik war ebenso black, wenn man so will: Gegen Ende meiner Schulzeit hatte ich das erste von einer ganzen Reihe von Metallica Konzerten besucht. Die Alben von Iron Maiden, Machine Head und Dream Theater waren der Soundtrack dieser Zeit. Ich war schlichtweg ein großer Metal-Fan.

Mit Silent Alarm hatten mir Bloc Party eine ganz neue musikalische Welt eröffnet. Banquet sorgte damals dafür, dass der Abwasch etwas länger dauerte. Aber viel mehr Spaß machte.

Mit jedem unfassbar verrückten Takt dieser unfassbaren Songs auf dem 2005 erschienen Album wurde mir klar, dass die Wucht, die Power, die Kraft der Musik nicht unbedingt davon abhängt, wie schnell eine Double Bass schlägt, wie umfangreich ein Gitarrensolo, wie roh die Attitüde des Künstlers ist. Kele Okereke, Sänger, Gitarrist und Herz der Band, stellte die gleichen Fragen wie James Hetfield oder Bruce Dickinson. Er war nur einfach 20 Jahre jünger. Und seine Stilmittel ebenso.

Bloc Party im Mai 2007 in der Tonhalle / München

Kurz bevor wir 2007 zu unserem Studienjahr nach Spanien aufbrachen besuchten wir dann eines der zu diesem Zeitpunkt schon legendär gewordenen Konzerte von Bloc Party in der Tonhalle in München. Es war eines der besten Konzerte, das ich besuchen durfte: So viel Energie hatte ich selten auf so engem Raum erleben dürfen. Bloc Party brachten mich zum Tanzen.

Ende des Jahres tourten Bloc Party dann auch durch Spanien und wir besuchten ein Konzert in Salamanca. Wir hatten schon mehrere Konzerte in der spanischen Studentenstadt besucht und konnten uns kaum vorstellen, wie die ungeheure Energie dieser Musik mit dem emotionalen spanischen Publikum zusammen treffen würde. Es musste unglaublich sein. Doch irgendwas war in der Zwischenzeit mit Kele und dem Rest der Band passiert.

Bloc Party waren ein Schatten ihrer selbst, wir waren ziemlich enttäuscht. Schon hier zeichnete sich ab, was in den Folgejahren passieren würde: Ich gewann mehr und mehr den Eindruck, dass Bloc Party an den eigenen Ansprüchen zu scheitern begannen. Immer wilder und schräger wurden Töne und Rhythmen. Immer unzugänglicher Keles Fragen. Jedenfalls für mich. Während A Weekend in the City noch im Fahrtwind des Debutalbums zu großen Teilen funktionierte, hatten sich mir Intimacy und Four nie erschlossen. Dann wurde es still, auch die Solo-Aktivität von Kele ging an mir vorbei.

Jetzt haben Bloc Party mit Hymns ein neues Album veröffentlicht. »Weniger Dringlichkeit« lesen ich in einer Review zu dem Album. Weniger dringlich, dabei gleichzeitig sehr bestimmt und klar. »With urgency but not with haste« schreiben Mumford & Sons mal in einem Songtext. Mit Nachdruck, aber nicht mit Hast. So würde ich das Album auch beschreiben.

Man könnte nun darüber schreiben, wie sehr dieses Album eines ist, das wie kaum ein anderes das Erwachsenwerden einer Generation Y beschreibt (weniger dringlich?). Oder darüber, wie lange es dauert, bis eine Band, die so schnell und so jung so erfolgreich wurde, sich erholt.

Was mich jedoch viel mehr fasziniert ist die Tatsache, wie sehr ich mich den Texten von Kele wieder verbunden fühle. Wie sehr sie meine Fragen sind.

Dass Lieder wie The Good News, The Love Within, New Blood & Virtue nicht nur kulturell/soziologisch, schlichtweg musikalisch, sondern auch theologisch bemerkenswert sind. Dass mir diese Art der Theologie manchmal sehr viel näher ist, als die deren Diplom ich inne habe. Dass sie unerwartet daher kommt und mich jedes Mal überrascht.

Und: Dass Musik mich (immer noch) zum Tanzen bringen kann.

Lord, give me grace
and dancing feet
As I conquer all anxiety
The angel told me not to fear
The power tools in me
For I have learnt the way to pray
Like a missile growing tall now
Wind the past into a knot
And let the love consume us

Written by

Always seeking, sometimes found. Wilder mind, restless heart and head of strategic innovations in one of the oldest organisation there is. She/her.

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