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Luthers Rucksack oder: Eine Reformationspredigt

Gottesdienst zum Reformationstag, 31.Oktober 2015, St. Petrus Springe
Lesung Mt 5,2–10

Man hat mir gesagt, dass es einem guten Brauch entspricht, hier und jetzt mit einem beherzten »Liebe Gemeinde« zu beginnen. So sei es also:

Liebe Gemeinde!

Wie Sie diesem Anfang schon entnehmen können, habe ich nicht häufig die Gelegenheit vor einer Gemeinde zu stehen — noch dazu einer evangelischen.

Nicht nur, weil es nicht meiner Berufung und meinem Dienst entspricht im liturgischen Rahmen öffentlich und vor so vielen Menschen aktiv zu sein.

Sondern natürlich auch, weil ich eben in eine andere christliche Sprachschule hineingeboren und getauft wurde. Ich spreche katholisch, dazu noch mit einem römischen Akzent.

Vielen Dank für die Ermutigung und Einladung, mein Vokabelheft herauszuholen und mich heute Abend gemeinsam mit Ihnen an meiner evangelischen Aussprache zu versuchen.

Der 31. Oktober will uns also in jedem Jahr an einen besonderen Mann erinnern. Er fordert uns heraus an besondere Umstände zu denken, die zu besonderen und geschichtsträchtigen Prozessen geführt haben. An eine besondere Art und Weise Theologie zu treiben.

Als ich mich auf meine Zeit hier mit Ihnen vorbereitet habe, war ich zunächst ein bisschen beeindruckt von dem vielen Besonderen, auf das ich mich da eingelassen habe.

Ich habe mich gefragt, was mich denn mit ihm verbindet, wie ich denn überhaupt einen Zugang finden könnte zu Martin Luther. Und einen Zugang zu dem, was wir heute Reformation nennen. Und wie ich Ihnen dabei auch noch »gerecht« werden kann.

Sicherlich ließe sich das theologisch beantworten: Da fallen einem ja schnell große Worte ein.

Gnade zum Beispiel.

Ein Wort, dem ich gerade in unserem Ökumenischen Abenteuer #Kirchehoch2 an jedem Tag begegnen darf.

Im Mangel auf der einen Seite: Wie gnadenlos erscheint doch manchmal unsere Kirchenlandschaft heute! Gerade in dieser Woche habe ich von einer weiteren Kollegin erfahren, die sich tapfer ihrer Diagnose Depression und Burnout stellt.

Und im Reichtum auf der anderen: Wie gnadenvoll lockt das Abenteuer des Geistes in Gemeindegründung und Regeneration bestehender Strukturen. Seit 2013 begleiten wir etwa 2 Dutzend Pioniere, die sich auf dieses Abenteuer einlassen. Und es vergeht keine Woche, in der wir nicht mindestens eine wundervolle und gnadenreiche Nachricht von ihnen bekommen.

Gnade ist ein wichtiges Wort in unserem gemeinsamen Nachdenken und Experimentieren zur Zukunft der Kirche in Landeskirche Hannovers und Bistum Hildesheim.

Doch als ich begann nachzulesen, was Reformation ausmacht, fiel mir auf, dass heute wohl nicht ganz klar ist, ob es für Herrn Luther wirklich so etwas gegeben hat, wie den einen großen Moment der Erkenntnis Gottes und seiner Gerechtigkeit — die große reformatorische Wende — ein zweites Gewitter, wenn man so will. Nicht wenige Forscher gehen mittlerweile davon aus, so las ich, dass es sich nach und nach entwickelte.

Ich glaube darin zeigt sich, dass wir über Prozesse sprechen sollten — im Glauben, im Leben und gerade deshalb eben auch in der Kirche.

Und deswegen auch an jedem Reformationstag.

An einer Stelle beschreibt Luther selbst ja genau das: Das Leben ist mehr ein Frommwerden, als ein Frommsein. Ein Gesundwerden. Ein Werden. Eine Übung.

Auf diese Weise kommen Menschen übrigens auch zum Glauben, wenn sie nicht christlich sozialisiert sind: Im Werden. In Prozessen und nur ganz selten kann man buchstäbliche Bekehrungsmomente legitim auch als solche isoliert betrachten.

Luthers so wichtige persönliche Erkenntnis voll von Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade mag also nicht wie ein Blitz eingeschlagen, sondern sich mehr und mehr, immer klarer und deutlicher gezeigt haben.

Seine Erkenntnis stellte sich mehr und mehr in den Gegensatz zu der Institution, die sich doch gerade um Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade bemühen sollte. Kirche und ihre Vollzüge wurden Luther unverständlicher, widersinniger, fremder.

So stelle ich mir den Prozess der Entfremdung vor. Wie in einer Beziehung. Eine Entfremdung, die leise wächst und die man plötzlich in seinem Rucksack findet und die erklärt, warum man die ganze Zeit so schwer zu tragen hatte.

Irgendwie scheint Martin Luther das, was Kirche zu seiner Zeit ausgemacht hat, mehr und mehr fremd und damit schwerer geworden zu sein.

Und immer weniger dem zu entsprechen, was er in theologischem Ringen für sich und für andere erkannt hat.

Er macht damit seinen Rucksack auf, erkennt und benennt die Schwere und befreit sich von diesem Gewicht.

Oder ihm entsprechend: Er lässt sich durch Christus von seiner Fremdheit und zur Freiheit befreien.

Doch was für ein faszinierender Begriff:
Entfremdung.

Wie kann man jemandem oder etwas wieder fremd werden?

Und warum bilden wir im Deutschen dieses Wort mit einer Vorsilbe, die normalerweise genau das Gegenteil bedeutet?
Ent-fremdung ist sprachlich eigentlich ein Nicht-mehr-fremd werden und doch benutzen wir es genau umgekehrt:
Etwas das vertraut, bekannt, natürlich war, wird fremd.

Kirche und das Fremd sein, Kirche und Entfremdung beschäftigen mich zur Zeit sehr viel. Nicht nur, wenn ich über Martin Luther nachdenke. Und über Reformation.

Fremde, wie sie zum Beispiel Menschen empfinden, wenn sie ausnahmsweise in eine Kirche gehen, in einen Gottesdienst. Als Gäste zu einer Hochzeit, einer Taufe, einer Konfirmation, einer Beerdigung. Eben: Ausnahmsweise.

Was ist das für eine Fremde und wie gehen wir in Kirche damit um? Geht es dabei wirklich nur um das Eingewöhnen, um Katechesen, um das Auswendiglernen von Vokabeln und Schrittfolgen? Ein Ent-Fremden im eigentlich Sinne: Ein Bekannt-machen der Kirchlichkeit, von Riten und Formeln?

Oder sollte man umgekehrt darüber nachdenken, wie wir es uns und allen erleichtern, Zugang zu Kirche zu finden? Ob die Fremde der Menschen in Weihnachtsgottesdiensten und an Hochzeiten nicht viel mehr eine Fremde der Kirche den Menschen gegenüber zum Ausdruck bringt?

Doch: Die Fremde von Distanzierten und Kirchenfernen ist eine andere Fremde, als die Fremde Luthers. Luther trägt seinen Rucksack nicht im Ungewohnten, sondern in der Gewöhnung. Luthers Rucksack ist Entfremdung, nicht Fremde.

Seiner Frage-Stellung fühle ich mich aus persönlichen Gründen sehr verbunden, denn ich fühle mich häufig ebenso fremd in Kirche, auch und gerade weil ich vieles gewohnt bin.

Es ist keine fröhliche und leichte Fremde, wie bei Ihnen heute Abend, liebe Schwestern und Brüder.

Und es ist auch keine Fremde, die etwas mit meiner konfessionellen Sprache zu tun hat; die nicht daher rührt, dass ich katholisch bin und die sich auch nicht durch einen Wechsel meiner Konfession aufheben ließe.

Es ist eine Fremde, die sich in meinem Milieu und meiner Kultur ausdrückt. In meiner Sprache. In meiner Ästhetik. In meinem Musikgeschmack.

Wie sicherlich der ein oder andere von Ihnen zum Beispiel schon bemerkt hat, singe ich selten bis nie mit. Nicht weil ich theologisch nicht verstehen würde, warum Gesang im Gottesdienst sinnvoll ist. Sondern, weil ich keinen Zugang finde zu Gesang im liturgischen Rahmen. Ich spüre beim Singen im Gottesdienst keine Verbindung, nicht zu Gott und nicht in Gemeinschaft.

Oft fühle ich mich auch fremd in meinem Verständnis von Berufung, von Gastfreundschaft und von Reich Gottes. In meinen Freuden und Hoffnungen, in meiner Trauer und in Ängsten.

Meine Fremde zeigt sich ebenso in vielen unbequemen Fragen:
Warum tun wir Dinge in Kirche, die uns unser Leben so schwer machen, die Energie kosten, die uns buchstäblich krank werden lassen? Dinge, die ausschließlich einen Selbstzweck erfüllen, aber keiner Mission folgen? Dinge, von denen wir gar nicht mal wissen, ob sie notwendig sind, sondern nur vermuten, dass man sie von uns verlangt oder erwartet.

Warum tun wir nicht viel mehr Dinge, die andere und uns glücklich machen, die uns befreien und von einem erfüllten Leben erzählen, die viel mehr mit uns, unserem Leben und unserer Sendung, unserer Mission als Christen in die Welt zu tun haben und Zeugnis geben vom angebrochenen Reich Gottes?

Vermutlich könnte auch ich 95 verschiedene Dinge finden und nennen, die ich in meinem Rucksack mit mir trage und die meine Entfremdung zum Ausdruck bringen.

Und um noch ehrlicher zu sein, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass der ein oder die andere unter Ihnen diese Fragen nachvollziehen kann. Hier im Raum gibt es eine ganze Reihe von Rucksäcken, mal mehr mal weniger schwer.

Dieses Entfremden in Kirche ist existentiell.

Doch genau in diesen Schmerz und in diese Unsicherheit hinein spricht der Text, den wir vorhin aus dem Matthäus Evangelium gehört haben: Er gilt als Zeugnis des ersten öffentliche Auftreten Jesu. Mit den so genannten Seligpreisungen spricht Jesus zum ersten Mal ein Wort öffentlich.

In der Gesellschaft.

Das will uns zu denken geben. Und zwar nicht nur trotz, sondern gerade in kirchliche Fremdheit hinein.

So stellt Jesus uns in Aussicht, dass wir selbst in unserer Trauer Trost finden werden. Dass es Gerechtigkeit und Versöhnung geben mag. Und Frieden. Hoffnung. Heilung. Und Erbarmen. Dass die Spannung, in der wir stehen einen Sinn ergibt.

Der Text spricht in diese Realität der Fremde auch hinein, weil er uns eine viel größere Perspektive ermöglicht. Er spricht vom noch nicht und gleichermaßen auch irgendwie vom doch schon.

Davon, wie Gott sich das eigentlich mit uns vorstellt. Was er an unserer Stelle für uns glaubt, liebt und hofft.

Er gibt eine Ahnung. Er macht hungrig und motiviert. Gleichzeitig erleichtert er den Blick auf das Reich Gottes.

Diese Perspektive ist unser Maßstab und ermöglicht uns einen neuen, mutigen und zugleich demütigen Blick auf das, was wir Kirche nennen.

Und noch ein drittes macht mich im Zusammenhang mit dieser Perikope aufmerksam:

Nicht umsonst schließt sich an diese Textpassage die Rede vom Salz der Erde und dem Licht der Welt an. Die Seligpreisungen gelten gleichzeitig uns und den ganz anderen: Im Missionsauftrag Christi, der Gottes eigener Mission entspringt, formiert sich auch unsere Sendung zu unseren Mitmenschen in Trauer, Hunger, Durst, Ungerechtigkeit, Krieg. In jeglicher Not und Fremde.

Fremd sein in der Kirche hat einen missionarischen Kern: Er macht sensibel dafür, dass es den ganz anderen genauso gehen mag.

Fremd sein macht uns sensibel dafür, dass es Nöte gibt, die Jesus uns gegenüber in den Seligpreisungen ausspricht und uns damit ans Herz legt. Wir tragen diesen Rucksack in der Kirche für andere. Für einander. Und hoffentlich auch miteinander.

Christliche Sendung ist Ent-Fremdung, im wörtlichen Sinne.

Unsere Mission als Christen ist es, zu den ganz anderen zu gehen. Und uns ihren Sorgen und Nöten und Ängsten zu ent-fremden. Lange Zeit sagte man an die Ränder und meinte das geografisch. Ich sage heute: An die Ränder unserer menschlichen Existenz, in Trauer, in Hunger, in Krieg — in die Fremde, die wir als Menschen eben auch mit uns tragen. Dorthin sind wir gesandt. Um des Himmelreichs willen und auf sein Wort hin.

Und dieser Sendung zu vertrauen, das können wir als Christen gemeinsam. Nicht nur an Reformationstagen.

Ich glaube das hätte Martin Luther gefallen: Ein Nachdenken über Re-Formation, über die Gestalt, die Form und die Notwendigkeiten der Kirche von ihrer Sendung her, von unserem Auftrag als Salz der Erde und Licht der Welt. Ein Nachdenken über Re-Formation und Transformation der Kirche und der Welt von unserer Sendung her ist durch und durch evangelisch — im besten Sinne des Wortes.

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