re-work-co-zilienz?

Maria Herrmann
7 min readMar 24, 2023

Eine Keynote zur Eröffnung der #cowork2023 „No Work today !?“ – Coworking in Zeiten von Krisen und Veränderungen – Konferenz der German Coworking Federation, 24.03.23 Utopiastadt Wuppertal.

Photo by Thomas Boulay on Unsplash

Am Anfang

Wenn ich heute als Theologin zu Euch spreche, dann spreche ich nicht über Kirche. Manchmal passiert es mir, dass ich so verstanden werde. Darum geht es mir heute aber nicht. Ich versuche das zu beschreiben und zu reflektieren, was ich wahrnehme. Wenn ich auf gesellschaftliche Fragen schaue. Auf die Arbeitswelten. Und auf Coworking.

Ich mache gerade eine Pause. Beruflich, und ganz bewusst. Und als man mich gefragt hat, ob ich heute mit euch über Resilienz nachdenken mag, dann dachte ich so… ja, dafür mag ich sie gerne unterbrechen. Widerstandskraft. Widerstandsfähigkeit. Die Kraft, die Menschen in widrigen Umständen überleben lässt. Und nach dem Fallen die Krone wieder zurecht rücken.

Was kann also eine Theologin in einem weltlichen Umfeld über Resilienz sagen? Ich dachte, ich bringe ein paar Erfahrungen mit. Erfahrungen, die ich gemacht habe in der Begleitung und Förderung von Veränderung in einem der ältesten legacy Systeme der Welt, der Kirche. Und ich komme mit Erfahrungen mit dem Pausemachen.

So will ich also mit euch übers Pause machen nachdenken. Und warum ich glaube, dass das viel mit Resilienz und Krise und Veränderung zu tun hat.

Und mit Coworking zu tun haben kann.

Wir schauen uns das bewusst individuell an, und auch als soziale Dimension. Und wir schauen darauf, was es mit dem Tun und was es mit Lassen zu tun hat.

Theologische Notiz

Man kann in verschiedener Weise über Religion nachdenken. Man kann sie doof finden, differenziert betrachten, geschichtlich darstellen, soziologisch reflektieren. Unbedingt auch kritisch, das in jedem Fall. Gott sei Dank.

Ich habe heute noch einen Gedanken mitgebracht, von dem ausgehend ich nachdenken mag. Mir ist klar, dass dabei jemand Religiöses über Religion nachdenkt. Also ich. Versucht euch vielleicht trotzdem mal auf die These dahinter einzulassen. Auch wenn Religion nicht euer Ding ist.

Der christliche Theologe Johann Baptist Metz (typischer Theologen Name!) hat mal eine Definition gebraucht, die mich lange beschäftigt hat: er hat gesagt… die kürzeste Definition von Religion ist die Unterbrechung.

Religion unterbricht.

Meistens den Alltag. Das Leben. Einen selbst. Was meint das?

Da ist zum Beispiel der Sabbat, oder der Sonntag. Sie unterbrechen, religionssozilogisch betrachtet, die Woche. Raus aus dem Huzzle, rein in die Schlabberklamotten und rauf aufs Sofa. Vielleicht eine Kerze anzünden… Der Sonntag als religiöse Unterbrechung sagt: mach mal Pause, du hast genug gemacht, hol mal Luft, es ist ok, wie es jetzt ist, schau mal, wie es Dir damit geht. Und vielleicht kannst du auch schauen, für was Du gerade jetzt im Moment dankbar bist.

Da ist so etwas wie die Fastenzeit. Das ist das, was manche gerade in den letzten Wochen noch mit dem Fasten verbringen. Die Zeit vor Ostern, Unterbrechung des Gewohnten. Im Frühjahr nochmal gucken, was so dran ist. Wie man den Winter überstanden hat. Unterbrochen werden so mitten im Aufbruch, dem Frühling. Bevor es so richtig los geht. Sich fragen, was nun jetzt so kommt — im Jahr oder im Leben generell. Früher hatten alle christlichen großen Feste so eine Fastenzeit vorweg. Man hat sich also viel Zeit für solche Unterbrechungen genommen.

Auch die verschiedenen Übergangsrituale mit religiösem Hintergrund haben den Sinn zu unterbrechen. Wenn ein Menschenskind geboren wird und getauft werden soll. Oder wenn es in ein bestimmtes Alter kommt an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Diese Rituale deuten das, was sich dann zeigt. Sie unterbrechen den Alltag, in dem man sonst das, was sich verändert oder verändert hat, kaum wahrnehmen kann. Und sie feiern es. Es ist wichtig die Veränderung zu reflektieren und sie zu feiern!

Religion als Unterbrechung… dem Gedanken kann ich viel abgewinnen. Und vielleicht konnte ich euch eben dazu gerade noch mal einen neuen Zugang geben. Es soll aber vielmehr noch um etwas anderes gehen. Denn…

Was passiert in einer Gesellschaft, in der diese Funktion, dieses Unterbrechen nicht mehr stattfindet? Wenn religiöse Sozialisation, aus egal welchen Gründen in den Hintergrund rückt?

Versteht mich nicht falsch, ich will hier nicht sagen, dass die Religion ein Comeback verdient hat. Oder dass sie nur diese Funktion hat oder hatte. Was ich nur ahne ist, dass diese Funktion (unter vielen anderen Funktionen) für Menschen und ihre Beziehungen einen Sinn hatte. Dass sie an menschliche Erfahrung angedockt hat, und in bestimmten Kontexten und auf verschiedene Weisen hilfreich sein konnte.

Dieses Unterbrochen werden heißt: Halt machen, nochmal die Systeme checken, ein Backup einspielen. Feststellen was funktioniert, was nicht mehr geht. Das funktionieren feiern. Ressourcen und Netzwerke überprüfen und das auf menschlicher Ebene… Wo findet das statt, mit wem und wann?

Pause individuell

Perspektivwechsel. Wer kennt die Situation nicht: du sitzt an deinem Desk, vielleicht mit Kopfhörer und brütest… über dem siebzigsten Layer einer Photoshop Datei, in einem Excel Sheet, in deinem Editor, an einem Förderantrag oder Konzept. Und es will nicht so recht werden… Eine Berührung an der Schulter macht dir klar, es steht jemand hinter dir. Kaffee? Kommst du mit?

Wie reagierst Du? Wovon hängt das ab? Und was heißt das im Zusammenhang mit unserer Frage heute Abend?

Das Unterbrechen und Unterbrochen werden führt vielleicht zu neuen Ideen, man hat von dem Problem mal abgelassen. Kann wieder neu draufschauen, weil man sich mal einen Moment nicht darauf konzentriert hat. Oder die Kaffeepause hat zu einem Gespräch geführt, das eine Problemlösung eröffnet hat.

Pause machen, Unterbrechung zulassen, neu ausrichten und dem Selbstwert nachspüren… das sind nicht nur verzweckte Motive oder Fragen der Effizienz.

Den Kaffee zu trinken, da geht es nicht nur darum, dass dies eine neue Lösungsstrategie in der Nichtlösung darstellt. In der Kreativitätsforschung würde man das vielleicht oblique strategy nennen. Dinge nicht tun und sich die Lösung durch etwas anderes schenken lassen.

Es ist eine Frage der Resilienz, des Selbstwertes, der Kultur mit sich selbst umzugehen. Auch und gerade dann, wenn es nicht läuft. Den Kaffee mit zu trinken, weil man es sich wert ist. Und vielleicht geht man dann an den Desk zurück und entscheidet, sich Hilfe zu holen. Die Aufgabe zurückzugeben. Man löst das Problem für sich selbst und sieht seine eigenen Grenzen ein. Auch das ist Selbstwertgefühl. Auch das ist Resilienz.

Ich glaube, Coworking als Haltung, als Bewegung kann eine Möglichkeit sein, Unterbrechung und Pause zu kultivieren. Und diese Selbstwertgefühle und damit Resilienz zu pflegen. Coworking als Lebensraum mit der immerwährenden Möglichkeit, dass einer oder eine dir auf die Schulter klopft und sagt: hey, lass mal alles stehen und liegen. Jetzt ist Kaffee dran.

Unterbrechen und Pause als sozialer Prozess

Wir gehen noch eine Ebene weiter: Arbeit findet nicht mehr (nur) in Fabriken statt, in denen die Sirenen laut aufheulen, und man auf in den Pauseraum losrennt. Das Pause machen ist aber weiterhin eine wichtige soziale Struktur, die es zu organisieren gilt.

Was bedeutet dies für diejenigen, die facilitators der Räume sind, in denen diese Haltung eingeübt werden kann? Ihr könnt euch ja schlecht Games für eure Spaces ausdenken, bei denen die mit den meisten Störungskaffes mit anderen eine Belohnung bekommen. Das wäre vermutlich keine Umgebung, in die man gerne kommt, wenn man zu nichts mehr kommt.

Aber es lässt sich natürlich überlegen, ob man aktiv Angebote des Pause machens und der Unterbrechung schaffen will. Yoga oder Meditation. Eine Tischtennis Platte und ein Turnier. Gemeinsames Frühstücken oder Gemeinsam kochen. Sparkling Wine receptions und das Feiern von gewonnenen Pitches. Die Monatsparty, die alle Erfolge feiert. Ein Sommerfest. Viele von euch haben das möglicherweise schon lange im Programm. Oder auch auch kleiner Ebene etabliert, z.b. mit Signalsysteme wie Aufstellerm auf den desks, wann man unterbrochen werden will und wann es so gar nicht geht.

Das ist die aktive Seite. Ich will aber noch auf eine andere Dimension hinaus:

Transformationsprozesse und Innovationen haben immer etwas Unverfügbares. Ihr Gelingen lässt sich nicht erzwingen. Sicherlich lassen sich möglichst gute Rahmenbedingungen schaffen, aber das stellt keine Garantie dar. Nie. Die Umstände ändern sich ständig, Ihr als Betreibende wisst das besser als ich. Wer hätte vor vier oder fünf Jahren an die Themen gedacht, die uns jetzt in den letzten zwei drei Jahren beschäftigen?

Die Welt ist komplex, manche sprechen von der vuca oder der bani Welt, die Veränderung so schwer macht. Soziale Innovationen wie Coworking Spaces und ihr Bestehen und ihr Weiterentwickeln sind ebenso wenig erzwingbar erfolgreich. Es geht ganz oft auch darum loszulassen, auf Communities zu vertrauen, auf Partner und Netzwerke. Darauf, dass die Idee groß genug ist. Vielleicht größer als man dachte. Oder vielleicht anders.

Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang ansprechen möchte ist die: an welcher Stelle müssen auch Coworking Spaces selbst und ihre Betreibenden das Pause machen, das Unterbrochen werden, das Loslassen üben. Andere mit einbinden oder eine Leere zulassen. Sich anders organisieren, Lasten verteilen. Oblique strategies verfolgen. Und — wenn es die Umstände erfordern — bewusst ein Ende setzen. Auch das ist Resilienz. Grenze setzen.

Mit all diesen Gedanken lässt sich vielleicht auch verstehen, warum Pause machen etwas mit Resilienz zu tun hat, und wie das Communities auf vielfältige Weise betrifft. Und warum Coworking eine entscheidende Rolle spielen kann, Menschen zu stärken und Räume für Entwicklung zu gestalten. Selbstwert und Widerstandsfähigkeit zu entdecken. Re work co silienz eben.

Zu letzt

Und zu guter letzt: Im ganz kleinen ist da noch das Tischgebet. Es setzt eine Pause an, unterbricht vor dem Essen. Eine Erinnerung daran findet ihr jedes Mal, wenn Ihr euch zuprostet. Wenn Ihr heute Abend also anstoßt, denkt daran: lasst euch kurz unterbrechen, wie seid ihr da, mit wem seid ihr da. Schaut euch an… feiert euch. Cheers!

Danke für eure Aufmerksamkeit.

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