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Hab Mut. Auf dem Weg in das ungemütliche Dunkel des Parkhauses des Ihme-Zentrums. Foto: Maren Trümper

Stadtlandfluss. Ein Experiment

»Ein Schandfleck für die ganze Stadt!« urteilte die Frau. Ihr randloser Blick kletterte über die Paletten der Küchengärten, die sie Minuten vorher noch begutachtet hat, und suchte Halt an den Türmen die am Ihme-Ufer das Panorama der Stadt prägen. Jetzt ist Erntezeit — auch in dem Urban Gardening Projekt von Transition Town am Ihme-Zentrum. Immer wieder kommen Menschen vorbei, die die kleinen Beete überprüfen und nach Kürbissen und anderem Obst oder Gemüse schauen. Die Paletten rahmen diese kleinen Parzellen ein und bieten Sitzgelegenheiten. Ab und zu setzen sich kleine Gruppen hin und genießen die letzten Strahlen der Herbstsonne, die über den Dächern der Stadt ihr Gold verschenkt.
Wie es denn hier für das Ihme-Zentrum weiter gehe, wollte die Frau wissen. Ob es denn endlich einen Investor gäbe. So genau wollten und konnten wir ihr nicht antworten. Und eigentlich waren wir auch nicht mit Antworten gekommen, sondern mit eigenen Fragen. Eigentlich wollten wir an diesem ungewöhnlichen Ort einen Gottesdienst feiern. Erntezeit in den Küchengärten, Erntedank im Ihme-Zentrum.

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Zwei der Bürotürme des Ihme-Zentrums. Foto: Maren Trümper

Seit ich es kenne bin ich fasziniert vom Ihme-Zentrum. Und ich kenne es tatsächlich seit meinem ersten Abend in Hannover. Als ich die Stadt 2010 zum ersten Mal besucht habe waren wir abends in Linden unterwegs. Der Platz am Küchengarten war eine beachtliche Baustelle, doch die viel größere war dahinter zu erkennen und ich fragte mich, was hier wohl los sei. (Mehr Informationen zu den Hintergründen findest du z.B. hier) Als ich nach Linden gezogen bin, fing ich an mich damit näher zu beschäftigen und vor einiger Zeit habe ich begonnen, mehr und mehr Parallelen zwischen dieser gescheiterten Betonutopie und Fragen der Kirchenentwicklung zu entdecken. Einiges davon landete in einem Aufsatz, der im Sommer veröffentlicht wurde. Weil ich finde, dass man es Leute wissen lassen sollte, wenn man über sie und was man von ihnen schreibt, ließ ich den Aufsatz Constantin Alexander zukommen, der daraufhin die Idee eines Gottesdienstes für die Zukunftswerkstatt entwickelte und mich anfragte. Ich hatte Lust auf das Experiment, verband damit keine Ambitionen oder Ziele außer jenes, mit diesem Raum, der für einige Menschen zunächst Angstraum und Schandfleck, und für andere liebgewordenes Zuhause darstellt liturgisch etwas auszuprobieren. Oder um es fromm zu sagen: Ihn im Licht Gottes neu sehen zu lernen.

Bei den Vorbereitungen hat mich Daniel unterstützt, und ich war sehr froh, nicht alleine die Verantwortung zu haben. Wir gaben dem Projekt den Namen Stadtlandfluss und haben uns ziemlich schnell für einen Stationengottesdienst entschieden, denn eines war für uns selbstverständlich: Auch wenn die Einladung durch die und mit der Zukunftswerkstatt im Ihme-Zentrum erfolgte, sind es nicht nur diese Räume in Mitten des Gebäudekomplexes, sondern es ist das Gelände, das sich uns neu eröffnen sollte. Und es sind die Leute, die kommen, die den Gottesdienst ausmachen. Ein Stationengottesdienst lebt von Bewegung und den Leuten, die diese Bewegung ausmachen. Der Bibeltext, der die Grundlage für unser kleines Experiment bilden sollte, deutete sich ebenso schnell ab: Die Vision vom neuen Jerusalem, der heiligen Stadt am Ende der christlichen Bibel. Offenbarung 21 — eine Erzählung von einer blühenden Stadt, die glänzt und leuchtet — scheinbar das Gegenteil dessen, was man an der Ihme heute vorfindet. Und doch ziemlich verwandt mit jener Idee, die den Anfang für diese in Beton gegossene Utopie einmal gemacht hatte. Wir begannen den Gottesdienst also mit dem Text in der Zukunftswerkstatt, danach führten wir die Stationen ein und luden die Leute ein, sich das Ihme-Zentrum auf diesem Weg etwas zu erschließen, zum Ende trafen sich alle noch für einen kleinen Segen am Ausgangspunkt. Die Stationen luden zum Beispiel ein, sich inmitten des zurückgebauten Komplexes das mit der goldenen Stadt wirklich einmal vorzustellen. Von der Ernte anderer zu probieren, und über die eigene Dankbarkeit nachzudenken. Seine Sorgen für einige Zeit in einem dunklen Parkaus abzustellen. Eine Bitte oder ein Gebet in einen Aufzug auf dem Weg nach oben zu legen. Oder einem lieben Menschen, den man vermisst, eine Nachricht zu schreiben. (Den Ablauf und die genauen Fragen der Stationen kannst du hier nachlesen)

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Stadtlandfluss. Hinweistafel vor der Zukunftswerkstatt. Foto: Maren Trümper

Wir haben ein freies Format für diesen Gottesdienst gewählt. Eines, das für Geübte ungeübt ist, weil es Gewohnheiten nicht aufnimmt, und gleichzeitig Ungeübten damit auf Augenhöhe begegnet. Ein Format, für Beginner, eines zum ganz konkreten Mitmachen und eines, das Menschen außerhalb »erreicht« — durch eine Postkarte oder eine SMS. Eines, das auch Menschen die Möglichkeit gibt im Vorübergehen Teil zu nehmen. Eines, das Präsenz zeigt an einem Ort, der Kirche mit einem Auftrag in der Welt gut gebrauchen kann.

So unverhofft es mir möglich war, Teil dieses Experiments zu werden, so schnell war es dann auch vorbei. Heute, einen Tag später, weiß ich gar nicht genau, was ich davon »halten« soll. Oder vielmehr was ich davon »mitnehmen« kann, wie man so schön in Kirchensprech sagt. Ein paar Dinge würde ich heute anders machen, ein Lied zum Ende wäre vermutlich eine sehr feine Sache geworden. Ich frage mich, ob man die Bewohnerinnen und Bewohner »besser« hätte mit »einbinden« sollen. Ob es ein größeres Konzept gebraucht hätte, gar eine Reihe. Mehr Vernetzung, mehr Werbung, mehr Strategie. Ich frage mich, welches Ziel mit so einer Strategie hätte verbunden werden müssen. Welche Erfolgskriterien, Zielgruppen und Stakeholderanalysen. Ob es das in so einer unwirklichen Umgebung überhaupt geben kann. Ich frage mich auch, ob es dann wirklich ein Experiment gewesen wäre. Und der Gottesdienst seine Stärke in dieser Zerbrechlichkeit hätte zeigen können.

Eine kleine Begegnung macht mich jedoch heute nachdenklich und dankbar: »Da liegt Segen drauf, echt. Feine Sache. Danke für den Muffin! Und Segen Dir!« Nur wenige Minuten bevor ich mit der »Schandfleck-Touristin« gesprochen hatte, traf ich an der selben Stelle auf ein Pärchen Hand-in-Hand. Auch sie waren nicht für den Gottesdienst da, sondern wollten sich die Küchengärten angucken. Ich machte sie auf unseren Korb mit Äpfeln, Kürbis-Muffins und den Fragen nach den Ernten in ihrem Leben aufmerksam, lud sie ein, sich zu bedienen. Ich konnte sehen, wie sie darüber ins Gespräch kamen. Nach wenigen Minuten nahmen sie sich in den Arm, küssten sich. Dann bedankten sie sich auch bei mir, segneten mich und gingen. Und einmal mehr dachte ich mir: Welt, auch dich lasse ich nicht los, bis du mich segnest.

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Fotos: Maren Trümper

Vielen Dank an Maren Trümper für die Fotos! Herzlichen Dank auch an Daniel, Maren, Simone und Kristof für den Support bei den Vorbereitungen und der Durchführung. Danke an Lucy und Constantin von der Zukunftswerkstatt für die Anfrage, das Vertrauen und fürs Kommen!

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Always seeking, sometimes found. Wilder mind, restless heart and head of strategic innovations in one of the oldest organisation there is. She/her.

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