Von Dirndl, Tattoos und der Kirche als Arbeitgeberin

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Freiburg, 7.11.2017 – Kirche als Arbeitgeberin

Zu Beginn meines Studiums hatte ich ein Bewerbungsgespräch bei einem touristisch geprägten Einzelhändler in einem Mittelalterlichen Städtchen in Mittelfranken. Alles lief gut, wir wurden uns schnell einig. Ich sollte dort im Dirndl Kuckucksuhren verkaufen. Doch da war die letzte Frage am Ende des Gespräches: Mein Gegenüber zögerte. »Eigentlich brauche ich Sie das nicht zu fragen, wenn Sie jetzt Theologie studieren. Sie werden ja wohl nicht tätowiert sein…«

Ich fühle mich vielem, was ich von Max und anderen Studierenden höre und lese, sehr nah. Viele dieser Argumente haben auch mich dazu gebracht, nach Ende meines Theologie-Studiums erst einmal außerhalb der Kirche meinen Platz zu suchen.

Heute weiß ich aber auch: Das Studium und die (begleitende) Ausbildung haben dazu geführt, dass ich gehen musste – und es auch konnte.

Ich konnte gehen, und etwas ganz anderes machen, weil ich sechs Jahre lang in der Kirche von engagierten Menschen herausgefordert, gefördert und begleitet wurde. Ich musste gehen, weil ich besser für das Leben außerhalb der Kirche vorbereitet war, als für die Arbeit innerhalb dieses Systems. Ein System, das sich gerade einer unfassbar großen Veränderung stellen muss.

Heute arbeite ich für Kirche. Wie das kam, ist eine andere Geschichte. Ich arbeite jetzt für ein Bistum das überlegt, wie es nach fast 15 Jahren die Ausbildung für Seelsorgerinnen und Seelsorger wiederaufnehmen kann.

Auch wenn ich dafür nicht verantwortlich bin sehe ich, welche inhaltlichen Fragen dabei auftauchen. Ich nehme wahr, wie sehr sich in dieser Frage nahezu alle Fragen der Kirchenentwicklung ausdifferenzieren:

Was sind Grundordnungen und Rahmenstatuten, an denen man nicht vorbei konzipieren kann? Für welche Veränderungen muss gestritten werden. In — und für welche Formen von Gemeinschaft wird ausgebildet? Welche Rollenarchitektur zeigt sich und in welchen Wechselverhältnissen steht sie zu Fragen nach dem Taufpriestertum aller und in der Ökumene? Lassen sich mit veränderten Formen von Ausbildung neue Formen von Vergemeinschaftung außerhalb der ererbter Strukturen unterstützen?

Zu diesen Fragen im Spannungsfeld von Organisationsentwicklung und Ekklesiologie gruppieren sich natürlich weitere verwandte Fragenkomplexe:

Sind den Verantwortlichen in der Kirche die Implikationen der Milieutheorie und Erkenntnisse um die Generationen X, Y, Z nicht nur im Bezug auf die vermeintlichen »Objekte« der Pastoral, sondern auch auf die — ich nenne es mal — »Subjekte« bewusst?

Welche konkreten Konsequenzen hat das für Aus- und Weiterbildung?

Welche für den konkreten Einsatz des pastoralen Personals?

Und ab welchem Punkt ist es unverantwortlich Menschen mit einem bestimmten Dienst zu betrauen?

Ich fühle mich nicht in der Lage, noch ist es meine Rolle und mein Job, in Ihrem Bistum Empfehlungen für konkrete Entscheidungen, Prozesse oder Strukturveränderungen zu geben.

Ich habe zu viel über Komplexität gelesen habe, als dass ich davon ausgehen könnte, dass wir hier und jetzt die grundlegenden Fragen auf den Sachebenen klären können. Ich gehe auch davon aus, dass dies allen hier Anwesenden bewusst ist.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es neben diesem »Was« der Dinge um denen es Ihnen geht, auch ein »Wie« und ein »Warum« gibt, über das ich hier und jetzt reden kann. Ich glaube, dass diese Trennung und Unterscheidung vom »Was« für Sie hilfreich sein wird.

Ich beginne mit dem »Wie«:

Während meines Studiums wurde deutlich, welche Verbrechen innerhalb der Kirche im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt stattgefunden haben und wie kirchliche Strukturen dies bis heute befördern. In der Beschäftigung damit, habe ich beim Jesuiten Klaus Mertes die Rede vom Widerspruch aus Loyalität entdeckt.

Dort habe ich gelernt: Loyale Kritik basiert auf Wohlwollen, Ehrlichkeit und dem Blick auf die eigene Verantwortung sowie auf das Ganze.

Ich ärgere mich vermehrt darüber, wenn kirchenleitende Vertreterinnen und Vertreter loyale Kritik an Strukturen persönlich nehmen oder sie in einer Verdachtslogik deuten.

Um es einmal drastisch zu sagen: Junge Menschen in Deutschland zeigen Loyalität zur Kirche in der Tatsache, dass sie sich mit ihr überhaupt beschäftigen. Der Vergleichswert ist nicht, wie es vor 40 Jahren war, sondern wie es jetzt in ihrer Region und in ihrem Bistum um kirchliche Relevanz bestellt ist. Wären Sie, die Theologie, Religionspädagogik, Kirchenmusik oder Ähnliches studieren, nicht loyal würden Sie heute Abend zum Volleyballtraining oder Impro-Theater-Workshop gehen.

Loyalität heißt aber nicht, still zu sein, sich zu ducken und abzuwarten, wie man das oftmals sprachlich umreißt. Wenn ich den Jesuiten Mertes richtig deute, ist loyale Kritik ein Zeichen von Freiheit und Indifferenz, aber auch mit Wohlwollen und Ehrlichkeit, mit Blick auf das Ganze und in Verantwortung. Loyale Kritik ist ein Zeichen der Zeit.

Wie zeigt sich das gegenseitige Wohlwollen und Aufrichtigkeit konkret in Ihren Diskursen?

Wie kann eine Veränderung des »Wie«, also eine Veränderung ihrer Kultur des Umgangs einen vertrauensvollen und ehrlichen Diskurs befördern? Ist ein solcher Abend wie dieser bereits ein guter Schritt?

Dazu eine persönliche Beobachtung: Wie viel von der Frage nach dem »Wie« versteckt sich jetzt schon in Ihren Fragen?

Daran anschließend zwei, drei Gedanken zur Frage nach dem »Warum«.

Ich denke, Sie stimmen mit mir überein, dass man den Grund — also das »Warum« — einen kirchlichen Beruf einzuschlagen, Berufung nennen kann — und muss.

Theologisch sollte klar sein, dass diese Begrifflichkeit

1. nicht mehr nur im Zusammenhang mit bestimmten »Ständen« in der Kirche zu gebrauchen ist, sondern ein Grundmoment christlicher Nachfolge beschreibt und dass sie sich

2. nicht an einem Lohnzettel festmachen lässt.

Darüberhinaus gibt es kein Recht auf eine kirchliche Anstellung.

Der Blick durch die Jahrhunderte, in die Weltkirche und die Ökumene mag hier eine Tiefenschärfe erzeugen.

Gleichzeitig ist »unbezahltes« oder »nicht alimentiertes« kirchliches Engagement nicht minderwertig — weder theologisch, noch unmittelbar in der Frage der Qualität (wie auch immer man diese misst).

Ich ergänze diese Facette mit einer kleinen Provokation: Die inspirierendsten missionarischen Initiativen, denen ich in meiner Arbeit begegnen darf, liegen meistens in den Händen sogenannter ehrenamtlicher Christinnen und Christen. Ich suche nach den Gründen, dazu vielleicht ein andermal.

Ich spitze meine Beobachtung zu: Kann es also eine Berufung geben, für »die Kirche zu arbeiten«?

Oder ist es eine Berufung zur christlicher Nachfolge, die sich nun eben manchmal in bestimmten Formen und Bereichen mit kirchlichen Professionen deckt? Ich denke, das gilt es klar zu unterscheiden. Und das kann ich nicht nur biographisch unterstreichen.

Ihr persönliches Warum, ihre Berufung zu klären, sollte einen wichtigen Punkt Ihrer Ausbildung darstellen. Sie darin grundlegend zu unterstützen, und damit immer wieder auch eine Theologie der Berufung zu fördern, sollte von hohem Interesse für ein Bistum (oder eine Landeskirche) sein.

Neben diesem »Warum« Einzelner, gibt es auch ein gemeinsames Warum, und zwar das der Kirche. Dieses Warum ist kein Selbstzweck, sondern ist Sendung, Mission der Kirche.

Dieses Warum führt Kirchen wie die Kirche von England dazu, neue pastorale Rollenbilder zu entwickeln. Dort ordiniert man zum Beispiel Pioneer Ministers (m/w), Priesterinnen und Priester für die Mission vor der Haustüre. An Orten ohne christlichem Erbe. Diese Gemeindegründerinnen und Pioniere durchlaufen eine 3-jährige Praxis begleitendes Ausbildung. Sie umfasst theologische Basics (sic!), genauso wie spirituelle und geistliche Begleitung, aber auch das grundlegende Handwerk im Bereich Social Entrepreneurship.

Der jahrelange Prozess so eine Maßnahme strukturell zu etablieren ist wichtig. Ich hoffe, dass auch deutsche Bistümer und Landeskirchen sich inspirieren lassen — am besten gemeinsam.

Viel wichtiger jedoch ist die Haltung dahinter: In den Menschen, die nicht in das bestehende kirchliche System passen und in ihren Fragen, ein Geschenk für die Sendung der Kirche anzuerkennen. Ihre Fremde und ihr Anecken sind Vorboten einer bestimmen Facette der Kirche von morgen.

Wenn sich Kirche von ihrer Sendung her formt, bilden die Fragen der jüngeren Generation von Theologinnen und Theologen Ansatzpunkte für eine Transformation und eine missionarische Kirchenentwicklung.

Sie für Veränderung »einzukaufen«, wird nur gelingen, wenn sie wirklich etwas verändern dürfen, wenn sie permanent auch nach dem gemeinsamen »Warum« fragen dürfen. Und wenn sie von ihren Tattoos erzählen können.

Kurze Gedanken zum Wie und zum Warum. Beide stehen im Bezug zu den Fragen, die Sie hier in der Zukunft zu bedenken haben. Es wird hilfreich sein, diese Ebenen zu trennen, sie immer wieder mit ins Bewusstsein zu rufen und miteinander ins Spiel zu bringen. Ob Tattoos hierbei eine Rolle spielen oder nicht, überlasse ich Ihnen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Always seeking, sometimes found. Wilder mind, restless heart and head of strategic innovations in one of the oldest organisation there is. She/her.

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