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Von Wellen und Teilchen

Oder was ich von einem kleinen Nebenprojekt gelernt habe

An einem Sonntag Morgen vor ein paar Wochen war ich viel zu früh wach. Ich war unruhig, wollte irgendwas machen. Für gewöhnlich versuche ich an Wochenenden so wenig wie möglich zu »machen«. Meine Alltage sind zu sehr gefüllt mit gemachten Terminen und Zu tun-Listen. Aber ich dachte bei mir, dass ich schon ziemlich lange nicht mehr irgendetwas gemacht oder vielmehr: gestaltet, geformt hatte, etwas ganz Konkretes, etwas weniger komplexes als Bildungs- oder Entwicklungsprozesse – mein tägliches Brot in diesen Tagen. Konkretes Machen, Design und Webdesign haben über eine ziemlich lange Zeit in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Ich begann mich daran zu erinnern, wie sehr mir diese Form des konkreten Machens fehlt, wie viel Spaß mir es bereitet hatte, wie sehr ich z.B. bei der Gestaltung einer Website abschalten kann. Es erinnert mich immer an das Gefühl beim Spielen mit Lego.

Schnell kam ich auf die Idee, etwas von meiner Man müsste mal-Liste anzugehen. Sie ist ja bekanntlich die kleine Schwester der Zu tun-Liste, trägt zerrissene Jeans und kommt immer zu spät. Sehr sympathisch.

Im letzten Jahr waren wir bei einer Recherche nach einfachen und zeitgemäßen Liturgien für Gruppen auf die Website der Lighting Beacons gestoßen. Das gesamte Projekt hatte mich fasziniert, wir haben immer wieder mal einzelne Liturgien von dieser Webseite herausgenommen, übersetzt und für die Arbeit bei Kirche² benutzt. Auf diese Weise erprobt, stand immer noch aus, die gesamte Liturgie für die Tagzeiten einer Woche zur Verfügung zu stellen. Dass die englischen Autorinnen und Autoren damit einverstanden waren, hatte ich vor Wochen klären können, die Creative Commons Lizenz auf der Website deutete das ja schon an. Das müsste man, und ja, das könnte ich doch mal machen

Ich dachte mir also den Namen Lichtteilchen für das Projekt aus. Damit verbinde ich das Phänomen des Lichtes, welches man sich physikalisch sowohl als Energie einer Welle, aber auch als Teilchen vorstellen kann. Etwas das also sehr konkret, aber zugleich unverfügbar ist – eine durchaus herausfordernde theologische Vorstellung, wie ich finde passend für die Vorstellung von Gebet. Ich entwickelte dazu ein Logo, das sowohl das Bild des Teilchens aus der Physik abbildet, aber gleichzeitig auch als Zusammenkommen einer Gemeinschaft um ein Zentrum herum darstellt.

Dazu bestellte ich die Domain für die Website, kaufte eine Lizenz für das Content Management System meines Vertrauens (Kirby ❤), installierte es auf meinem Server und begann, die Liturgien zu übersetzen, sie einzuarbeiten und begleitende Texte zu verfassen. Am Abend stand das Projekt. Es waren zwar noch nicht alle einzelnen Tagzeiten übersetzt, doch das sollte ich in der kommenden Woche nachholen. Nur unterbrochen von ausgiebigen Mahlzeiten, einem Mittagsschlaf, wie man ihn nur sonntags halten kann, und einem kleinen Spaziergang, hatte ich innerhalb eines Tages meine Idee umgesetzt. Noch an jenem Sonntag Abend veröffentlichte ich die ersten Texte einer Woche von Tagzeitenliturgien. Bis zum ersten Advent sollten täglich die jeweiligen Texte für den nächsten Tag folgen.

Im Laufe der kommenden Wochen erhielt ich große Resonanz und selbst bis heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine Nachricht, eine Erwähnung oder eine Rückmeldung dazu erhalte. Das hat mich nicht nur dankbar ins Staunen versetzt, sondern auch ins Nachdenken gebracht. Ein paar meiner Gedanken beginne ich hier zu teilen:

Das Schwierigste und Leichteste zugleich

Ich bin davon überzeugt, dass ein Teil der positiven Resonanz in einer bestimmten Sache wurzelt, die ich auch bei meiner Arbeit beobachte: Ich habe versucht, nahezu alle der Übersetzungsentscheidungen nach dem Maßstab zu treffen, ob ich Worte, Wörter und Sprache vor meinen Freunden vertreten könnte, die nicht(s) (mehr) mit Kirche zu tun haben. Und ich habe mir zur Aufgabe gemacht, damit erst einmal bei mir zu beginnen. Mit welchen Worten kann ich (wirklich) beten? Mit welchen Worten kann ich zusammen mit meinen Freunden beten?

Im Zusammenhang von Begleitprozessen von Gemeindegründungen und Kirchenentwicklung spreche ich davon, dass diese Haltung das Schwerste und Leichteste zugleich ist. Viele inspirierende, nachhaltige und energetische Initiativen im christlichen Bereich sind vor allem deswegen entstanden, weil Menschen (alles andere als zum Selbstzweck) von sich ausgegangen sind, das Naheliegende im Blick, für sich und damit gerade auch für andere Orte geschaffen haben – endlich! Sie sind – um es theologisch zu sagen – umgekehrt, haben bei sich begonnen. Das für sich notwendige in den Blick genommen. Sind von sich aus-gegangen. Ich denke, dass diese Dynamik in der christlichen Theologie grundlegend ist, insofern als dass sie die Rede von einem Gott beinhaltet, der in Jesus Christus von sich ausgeht. Und doch: Wir haben gelernt, Zielgruppen zu definieren – und uns selbst dabei vergessen. Wir wollen andere erreichen – und wissen vielmals gar nicht mehr von wo aus. Wie viel von den anderen steckt in uns?

Schwer ist ein Haltungswandel in diesen Dingen deshalb, und das habe ich im Zusammenhang mit den Lichtteilchen deutlich zu spüren bekommen, weil es uns als Menschen erkennbar, sichtbar und angreifbar macht und weil vieles, das in diesem Zusammenhang entsteht nur unvollkommen sein kann. Ich erinnere mich noch an den Moment als ich aufgefordert wurde, mich zum ersten Mal in einem freien Gebet zu beteiligen. Diese Dinge muss man üben, für sie muss man sich bewusst entscheiden. Mit den Lichtteilchen habe ich es mir leicht gemacht, weil ich eine Vorlage hatte (zum Thema: Inspiration und Klauen unten mehr) und weil ich bei dem begonnen hatte, was mich selbst anspricht. Und doch hat es mir Mut abverlangt, weil sie in ihrer Unvollkommenheit viel von mir gezeigt haben. Ich glaube, wir müssen lernen, das zu unterscheiden und doch zusammen zu sehen – das Leichte und das Schwere in einem.

Nicht motzen, machen

Seit meinem (gescheiterten) Ein-Frau-Quereinstiegs-Selbstständigkeits-Experiment habe ich aus dem Umfeld der so genannten Kreativbranche ein paar inspirierende Frauen und Männer im Blick, die mich heute noch maßgeblich prägen. Die gebürtige Schweizer Designerin Tina Roth Eisenberg (Website) ist eine davon. In dem, was sie tut, geht sie einer Maxime auf den Grund: Don’t complain, create. Nicht motzen, machen. Du ärgerst dich darüber, dass deine Kinder hässliche Aufklebetattoos nach Hause bringen? Wie schwer kann es sein eigene zu gestalten? Dir fehlt ein Programm, das deine Arbeit erleichtert? Such dir einen Programmierer und leg los. Dir fehlt Vernetzung und Inspiration in deiner Community? Setz einen Termin fest, lade einen Speaker ein und besorg alles fürs Frühstück. Du hast keine Lust alleine von zuhause zu arbeiten? Miete einen Raum, suche Dir andere, denen es genauso geht und werdet Freunde.

Tina hat das genauso erlebt. Sie beschreibt das in ihrem 99u Vortrag, und zeigt damit, dass diese Haltung nicht nur ein Leben verändern kann. Vielleicht ist genau diese Kultur eine, die es uns ermöglicht spielerischer das Schwierige und Leichte in einem anzugehen.

Vor ein paar Wochen habe ich mich entschieden, eine kleine Sache anzugehen, die mir am Herzen liegt. Ich kannte bisher (noch) keine einfache, klare und zugängliche (deutsche und ökumenische) Liturgie, die Gruppen und Einzelne frei und kostenlos für ihr Gebet nutzen konnten. Seitdem staune ich immer und immer wieder dankbar darüber, was diese kleine Website in anderen ausgelöst hat.

So frage ich mich und dich: Was fehlt dir so sehr und immer wieder, dass du mittlerweile ein Lied von deinen Beschwerden singen kannst? Was steht auf deiner Liste in zerrissenen Jeans, was kommt immer zu spät, zu kurz? Was wäre ein erster Schritt, das zu ändern?

Wie Künstlerinnen und Künstler

Neben Tina und einer Reihe anderer Designer und Künstler, gibt es da noch Austin Kleon, dessen Nachdenken über Kreativität mich immer wieder inspiriert. In seinem Essay »Steal like an artist« (im Deutschen: »Alles nur geklaut«) macht er darauf aufmerksam, dass es in Ordnung ist, auf den Ideen anderen aufzubauen und ich glaube ihm. Ich glaube, er hat damit recht, dass es Sinn ergibt, Fragen und Ideen, Texte und Bilder von anderen in einem Notizbuch oder in einer Art Klaukartei zu sammeln. So machen es seit Jahrhunderten (andere) Künstlerinnen und Künstler. Wichtig dabei ist, den Überblick zu behalten, achtsam und fair mit dem Ideenstammbaum und dem Erbe anderer umzugehen, wenn wir die vielen Ideen zusammentragen, remixen und verwandeln.

Neben dieser Idee, sammelt Austin vor etwa sechs Jahren neun weitere Stichpunkte für Studierende unter dem Blickwinkel, was er in der Kreativbranche gelernt hat und was er gerne vor seinem Start ins Berufsleben gewusst hätte. Dabei fordert Austin auch auf, die eigene Arbeit, die eigenen Ideen und Fragen mit anderen zu teilen. Mit den Lichtteilchen habe ich auf der Arbeit von drei Wort-Künstlern und Theologen in England aufgebaut. Sie haben es mir durch ihre Erlaubnis und durch die so genannten Creative Commons Lizenz sehr leicht gemacht, selbst mein Erarbeitetes anderen zugänglich zu machen. Dass das mit dem Teilen funktioniert zeigen mir Experimente zu den Lichtteilchen, die andere mutig angehen. Wenn ich so darüber nachdenke, wünschte ich mir mehr Creative Commons in Kirche und Theologie, denn das Teilen ist ja eigentlich eines unserer Markenzeichen.

»Steal like an artist« hat mich durch meine Selbstständigkeit hindurch intensiv begleitet und inspiriert. Und auch heute, in meinem Job als Theologin und für ein Römisch-Katholisches Bistum hat es immer noch enormen Einfluss, ich würde sogar sagen mehr denn je. Denn jetzt ist es mir möglich, Austins Tipps in Sachen Kreativität für Kirche und mich mit dem zu deuten, was mich als Theologin ausmacht und darin auch Theologie neu zu entdecken. Wie eben beim Beispiel mit dem Teilen. In diesem Sinne kann ich mich heute einem der herausforderndsten Punkte Austins widmen: Schreibe das Buch, das du selbst gerne lesen möchtest.

Was kannst du teilen, auf dem andere aufbauen können? Was kannst du geben, das anderen von Nutzen sein kann?

Ein Jahr, das beten lehrt

In diesen Tagen werden sich die Rückblicke auf das Jahr 2016 häufen. Auch ich habe begonnen, zurückzublicken und zu überlegen, was aus diesem ablaufenden Jahr übrig bleiben wird, was in den letzten 12 Monaten geendet und was neu begonnen hat. Ein großes Thema kristallisiert sich schnell heraus: meine zunehmend spürbare Hoffnungslosigkeit im Angesicht wachsender Komplexität, Gewalt und Ungerechtigkeit. Ich lese darüber, dass dieses Gefühl selbst schon Teil des Problems ist und ich lese davon, wie andere versuchen, transparent, offen und mutig mit Unsicherheit und Zorn umzugehen. Dabei spüre ich doch mehr und mehr die Notwendigkeit mich zurück zu ziehen. Still zu werden. Das Gebet zu suchen. Meinen Zorn und meine Unsicherheit in den (An)Blick Gottes zu übergeben.

Viele der Rückmeldungen zu Lichtteilchen greifen ähnliche Empfindungen auf. Sie zeigen mir, ich bin nicht alleine damit, was mir an dieser Stelle nur persönlich helfen kann: Es entlastet mich zu einem gewissen Grad zu hören, dass ich mit diesen Empfindungen am Ende eines bemerkenswerten Jahres nicht alleine bin. Und doch stellt sich mir die Frage, was das darüber hinaus bedeuten kann: Gibt es Orte, an denen Menschen mit ihrem Zorn und ihrer Unsicherheit Platz haben? Wie kann ich Teil geben über das Gestalten von Gebetstexten hinaus, dass das Teilen dieser Gefühle mehr als nur mich entlastet? Und welche Formen des Gebetes können solche Orte werden?

Und jetzt?

Natürlich gibt es weitere Ideen zu den Lichtteilchen selbst: Ob es möglich ist, Lesungstexte einzubauen, damit man die Website auch wirklich einfach so wie sie ist, nutzen kann ohne mit einer Bibel oder Zusatzliteratur arbeiten zu müssen. Ob es möglich ist dazu auch geprägte Zeiten, wie den Advent, Fastenzeit, Feiertage etc. einzubauen. Ob es möglich ist die Sprache und die Inhalte in verschiedenen Varianten anzubieten. Ob es möglich ist, die Website in ihrem Handling zu verbessern oder sogar als App darzustellen. Ich habe viele Ideen. Aber für den Moment bin ich erst einmal sehr dankbar und zufrieden und will darauf achten, was sich nun wirklich als notwendig erweisen könnte. Vielleicht aber, wird es etwas ganz anderes sein, was ich an einem meiner nächsten Sonntage so machen will.

Und, was wirst du am nächsten Sonntag machen?

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Always seeking, sometimes found. Wilder mind, restless heart and head of strategic innovations in one of the oldest organisation there is. She/her.

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