Wo geht es lang, in sein/ihr Land — und wer bestimmt das?

Maria Herrmann
5 min readApr 23, 2022
Photo by Chris Abney on Unsplash

Zukunftsfragen sind auch Machtdiskurse.

Kurzimpuls auf dem Thementag der VELKD Generalsynode: „Die Zukunft ist sein Land – Kirchen- und Gemeindeentwicklung im Fokus“ am 23.4.2022

Anhand von drei Punkten möchte ich Ihnen unter dieser Überschrift einen kleinen Einblick in die Entwicklungen in römisch-katholischen Kontexten geben:

1. Katholische Kirche, Konflikt und Widerspruch,

2. Prozesse in Bistümern,

3. Kirchenbilder

Zukunftsfragen sind Machtdiskurse — ein erstes: Der Synodale Weg. Seit Ende 2019 hat sich die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit Vertreter*innen des ZdKs auf den Weg gemacht in vier Synodalformen Zukunftsfragen zu diskutieren. Anlässlich der erschütternden Forschungsergebnisse der MHG Studie 2018 wird immer deutlicher, dass kleine, handgesteuerte Veränderungsprozessen nicht ausreichen, um Zukunft aktiv zu gestalten.

Warum dieser Punkt heute zu Beginn meiner Ausführungen steht: Innovationen sind — systemisch betrachtet — immer auch Widerspruch.

Die Gestaltung von Zukünften besteht aus der Gestaltung von Innovationen — und damit auch aus Widerspruch. Widerspruch gegen den Status quo. Unzufriedenheit mit dem, was ist. Eine — wenn Sie so wollen — missionarische oder innovative Initiative in neuen Kontexten zu gründen, provoziert das bestehende System — auch und gerade dann, wenn es stirbt.

Es lässt sich anhand der Protokolle nachweisen, dass sich die Diskurskultur des Synodalen Weges jetzt schon verändert hat: Widerspruch wird mehr und mehr gepflegt. Es lässt sich auch nachweisen, dass dies über die Vollversammlungen hinaus geht. Dieses Einüben einer neuen Kultur des Diskurses ist nicht zu gering zu schätzen. Sie wird sich auch auf andere Ebenen auswirken. Und sie ist eine Frage des Empowerments. Dass der Prozess als solcher nun auch in den Ortskirchen dazu führen kann, dass ähnliche Diskurse und Gremien auf Bistumsebenen installiert werden, lässt hoffen, dass in manchen Teilen der römisch-katholischen Kirche neue Diskurskulturen möglich werden. Und sich mit diesen neuen Diskurskulturen neue Kirchenbilder vermitteln können.

Ein zweites: Zukunftsfragen sind Machtdiskurse — das sieht man auch deutlich, in den Prozessen der Bistümer. Möglicherweise bekommen Sie das in Ihren jeweiligen Kontexten mit einem ökumenischen Blick mit: Auch hier wird sehr mächtig und strukturell machtvoll in Veränderungsprozesse investiert.

Erst in dieser Woche hat das Bistum Münster eine neue Handreichung veröffentlicht, die sich genauer mit der Rekonfiguration als Bistum aus 50 Pastoralen Räumen beschäftigt. Das Bistum Speyer gestaltet seit etwa drei Jahren unter dem Stichwort der »Segensorte« einen Visions- und Strategie Prozess und verzahnt damit auch den Synodalen Weg. Das Bistum Essen verändert sich als Organisation durch einen großangelegten Projektmanagement Prozess, der inhaltlich angereichter ist mit zehn Zukunftsprozessen der Pastoral, die die Qualität des Handelns vor Ort in den Blick nimmt. Ähnlich gestaltet sich auch das Bistum Limburg um: Dort fasst man die Veränderung unter dem Stichwort der Kirchenentwicklung zusammen und fügt den Narrativ »Mehr als Du siehst« bei. So wurde zum Beispiel in Frankfurt mit der Villa Gründergeist ein Coworking-Space in einem kirchlichen Gebäude gegründet, der als Netzwerk sozialer Innovation, der Digitalisierung und für Gründungsprozesse fungiert. Teilstellen für neue Formen kirchlichen Lebens werden bereitgestellt und durch ein vielfältiges Portfolio an Begleitmaßnahmen gefördert. Im Bistum Hildesheim liegt die Konzentration gerade auf einem pastoralen Immobilienprozess und die Begleitung neuer Teamkonstellationen unserer Hauptamtlicher Seelsorger*innen. Im Bistum Magdeburg, um auch auf den Osten einzugehen, werden veränderte Leitungsstrukturen neugestaltet: Der Priestermangel fordert dazu heraus neue Formen der Entscheidung und Kommunikation auszuprobieren — und zwar nicht nur als Projekte, sondern für die gesamte Struktur eines Bistums. Während dies den Kontext als Bistum im Osten gut abbildet, wird an weiteren Orten deutscher Diözesen mit diesen neuen Formen von Leitung, zum Beispiel als Teams aus Ehrenamtlichen experimentiert. Dies nur als willkürliche Skizze einmal quer durch die Landschaft. Vergleichbare Prozesse und Fragestellungen finden sich in allen deutschen Bistümern.

Die weiteren Details überlasse ich Ihrer Neugierde und Ihrer Internetsuchmaschine.

Mein Fokus soll nun jedoch einmal direkt auf die Förderung von Neuem gehen: Ich habe in meinen Forschungen zu Innovationen in den Kirchen vier Felder identifiziert, in denen das Neue in Kirche gefördert werden kann: Begleitung und Beauftragung, Ressourcen und Rechtliches.

Meine These dazu ist, dass die Nachhaltigkeit neuer Formen kirchlichen Lebens immer wahrscheinlicher wird, je mehr in diesen Feldern und in mehr dieser Felder kirchenleitend investiert wird.

Wenn aufbrechende Teams weitergebildet und gut begleitet sind.

Wenn sie eine klare Beauftragung bekommen, die sie schützt.

Wenn es rechtliche Rahmenbedingungen gibt, die z.B. auch eine Sakramentsverwaltung möglich machen.

Wenn Ressourcen bereitgestellt oder wenigstens anerkannt werden.

Es lassen sich in den Bistümern eine Reihe von Bildungsprozesse zur Gestaltung von Gründung oder Veränderung finden. Beispielhaft sei die Initiative des tpi in Mainz genannt: im Theologisch-Pastoralen Institut werden derzeit in einem Kurs etwa 25 Pionier*innen aus vier Bistümern gemeinsam beim Aufbruch begleitet.

Auch Beauftragungen für missionarische Initiativen finden in den Bistümern statt, allerdings nur in »Kür«-Anteilen oder für zu kurze Zeitabschnitte. Aus der Forschung der Fresh Expressions ist bekannt, dass eine Gründung neuer Form kirchlichen Lebens sieben bis acht Jahre braucht. Dieser Zeitraum steht den wenigsten Gründer*innen zur Verfügung.

Dazu gibt es eine Reihe von Fördertöpfen, sowohl in den Bistümern, als auch durch Werke wie zum Beispiel das Bonifatiuswerk, das missionarische Formen und Initiativen fördert. Ein großes Potential sehe ich für die Initiativen in der Eigenfinanzierung durch einen unternehmerischen Gründungsansatz.

Bei den rechtlichen Fragen nehme ich, um es mit Jullien von heute Vormittag zu sagen, eine große Ressource wahr, die derzeit noch nicht genutzt wird. Rechtliche Veränderungsprozesse, wie die Umstrukturierungen der Pastoralen Räume werden derzeit nur dazu genutzt, das Bestehende zu erhalten. Es gibt aber wenig bis kaum Initiativen, das Neue klar und eindeutig als selbstständige Form kirchlichen Lebens zu fördern.

Ein drittes: Zukunftsfragen sind Machtdiskurse.

Wie heute am Vormittag schon einmal gehört: Zukunftsfragen stellen (mindestens) eine doppelte Anfrage, nämlich zunächst die nach der Flächendeckung der Kirchen. Ist diese Grundannahme zu halten und zu welchem Preis? Warum spricht nicht auch aus rationalen Gründen etwas für eine neue, andere Weise Kirche zu gestalten?

Eine zweite Anfrage ist die der Vereindeutigung kirchlicher Strukturen. Lassen sich kirchliche Strukturen mehrdimensional denken, mit unterschiedlichen Dichten, Dialekten und Modi — wachsend, organisch, agil — vielleicht eher wie ein Schwarm Vögel als wie eine starre Maschine? Konkret formuliert: Lässt sich eine kirchliche Organisation wie eine Landeskirche oder ein Bistum als ergänzende Form von territorialer und netzwerkartiger Struktur denken?

Auf ihre Weise prägnanter formulieren es die Anglikaner*innen, wenn sie von einer mixed ecology sprechen. Das Interessante ist an dieser Stelle die Veränderung des Begriffs: 2004, als die Grundurkunde der Fresh Expressions, der Mission-shaped Church report veröffentlicht wurde, sprach man hier noch von der Mixed Economy. Etwas später hat man begonnen, den eher organischen Begriff zu verwenden. Die von mir sehr geschätzte reformierte Theologin Dr. Sabrina Müller spricht an dieser Stelle von einer Biodiversität.

Interessant ist das deswegen, weil dies auch ein Hinweis ist im Hinblick auf die Machbarkeiten von Zukunftsprozessen: An Pflanzen kann man nicht ziehen, damit sie schneller wachsen. Und: Sie wachsen nicht immer, wie man sich das denkt.

Zukunftsfragen sind auch Machtdiskurse. Ein erster Schritt sie zu lösen ist, sich dessen überhaupt bewusst zu werden. Und damit auch die prophetische Dimension in und durch die Kirche wieder zu entdecken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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